Lösungorientiertes Coaching

Lösungsfokussiertes Coaching vs Systemisches Coaching

Dieser Text vergleicht das lösungsfokussierte Coaching (auch lösungsorientiertes Coaching genannt) mit dem systemischen Coaching. Er beschreibt die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede und hebt die Notwendigkeit einer deutlichen Abgrenzung voneinander hervor. Er kommt zu dem Schluss, dass beide Ansätze gleichermaßen erfolgreich sind. Lösungsfokussiertes Coaching ist aber aufgrund seiner Einfachheit und Schnelligkeit der zeitgemäßere Ansatz.

Systemisches Coaching

“Die systemische Welt ist eine überintellektualisierte Welt, in der alles von Quantenphysik über die neuesten biologischen Erkenntnisse bis hin zu Taoismus und Alice im Wunderland genutzt wird, um originelle Metaphern zu finden, damit neue Perspektiven und neue Möglichkeiten für unsere Arbeit entwickelt werden können. Aber ist irgendwas davon wirklich wichtig?”
Evan George

Ich habe viele Jahre mit dem systemischen Ansatz gearbeitet und auch systemische Coaches ausgebildet. Und obwohl ich absolut von dieser Art zu coachen überzeugt war, gab es immer auch eine Ambivalenz in mir. Als ich dann zum ersten Mal das Zitat von Evan George gelesen habe, habe ich sofort gedacht: „Ja! Genau!“ Ist dieser riesige theoretische Überbau und diese ganze Komplexität wirklich wichtig? Muss es nicht eigentlich in einer immer komplexer werdenden Welt um die Reduktion der selbigen gehen?

Systemtheorie und Konzepte

Als Coach bin ich Praktiker. Wie hilfreich und wichtig ist es für die Arbeit mit meinen Kund*innen, dass ich Experte für Systemtheorie und Konzepte wie Konstruktivismus (radikaler und sozialer), Kybernetik 1. und 2. Ordnung, Regelkreise, Systemumwelten und Systemgrenzen, Autopoiese, Homöostase, Rückkopplungs- und Wechselwirkungsprozesse, usw. bin?

Natürlich ist die Beherrschung der anspruchsvollen systemischen Sprache und ihrer Methoden wie zirkuläre Fragen, paradoxe Interventionen, positive Konnotation, Hypothesenbildung, Soziogrammarbeit, Musterunterbrechungen, usw. ein Zeugnis hoher Kompetenz des Coaches. Aber sollten nicht unsere Kund*innen diejenigen sein, die vor Kompetenz strahlen? Wäre es nicht das schönste Kompliment, wenn sie uns am Ende sagen würden: „Vielen Dank, dass sie mir geholfen haben, dass ich es alleine geschafft habe“. Im Gegensatz zu: „Vielen Dank, dass sie mir geholfen haben. Ohne sie und ihr brillantes Wissen hätte ich das nie geschafft.“

Aus einer systemischen Sicht ist das alles notwendig. Da Systeme, in denen Kund*innen sich bewegen, nicht linear-kausal beeinflussbar sind, ist es wichtig, sich mit Systemtheorie auszukennen, um zu wissen, wie und wo das System perturbiert (verstört) und in Bewegung und zur Schwingung „eingeladen“ werden kann.

Ich möchte allerdings nicht unerwähnt lassen, dass mir selbst in meiner Zeit als systemischer Coach nie Systeme begegnet sind, sondern immer nur echten Menschen, die “ganz normale Dinge” getan haben. Sie reden, denken, lachen, weinen, streiten, machen mal Fehler, aber auch ganz viel richtig – also ganz alltägliche Verhaltensweisen. Und sie haben mit mir darüber immer in einer ganz alltäglichen Sprache gesprochen.

Lösungsfokussiertes Coaching

Lösungsfokussiertes Coaching strebt radikal nach Klarheit, Einfachheit und dem direktesten und schnellsten Weg zur Lösung. Es verzichtet auf alles, was den Veränderungsprozess unnötig verlangsamt oder verkompliziert und arbeitet ohne psychologische oder systemische Konzepte. Es ist aus der Praxis heraus entstanden und hat stets das Ziel, in einer einfachen Sprache ganz konkrete und praktische Handwerkzeuge zu entwickeln, die Veränderungsprozesse auf eine leichte und nachhaltige Weise unterstützen. Zentral in jedem Lösungsfokussiertem Coaching-Prozess sind drei Fragen:

  1. Welches Resultat erhoffen Sie sich von diesem Coaching?
  2. Wie wird Ihr Leben sein, wenn sich diese Hoffnungen erfüllt haben?
  3. Was funktioniert bereits jetzt schon alles gut? Welche Ihrer Stärken und
 Ressourcen können Sie zur Erreichung Ihrer Hoffnungen nutzen?

Veränderung ist in diesem Ansatz etwas Konstantes, das permanent geschieht – es müssen keine Hypothesen gebildet und Systeme verstanden oder perturbiert werden. Das einzig relevante System für Veränderung ist das System zwischen den Kund*innen und dem Coach.

Wenn klar ist, wie Kund*innen sich ihre erwünschte Zukunft vorstellen, geht es darum, hilfreiche Veränderungen wahrzunehmen und sie zu verstärken. Die Intervention ist alleine das gemeinsame Gespräch (Solution Talk – in einer einfachen und normalen Sprache – nämlich der Sprache der Kund*in) und Fragen, die zu detaillierten Beschreibungen dessen führen, was genau die Kund*in will und was ihr hilft, dorthin zu kommen.

Lösungsfokussiertes Coaching fokussiert auf zukünftige Entwicklungen und Möglichkeiten und auf sofort und unmittelbar umsetzbare kleine Schritte. Es richtet seine Aufmerksamkeit einfach, klar und prägnant auf das Wesentliche. Nicht mehr und nicht weniger!

Unterschiede

Ich möchte die Unterschiedlichkeit beider Ansätze über das oben Beschriebene hinaus noch einmal konkretisieren. Sie werden besonders deutlich, schaut man auf ihr jeweiliges Fragen-Repertoire und vor allem die Intention, mit der die Fragen gestellt werden.

Systemisches Coaching

Es hat ein großes Repertoire an gegenwartsorientierten Fragen, um den Ist-Zustand, die jeweiligen Wirklichkeitskonstruktionen, aktuelle Beziehungs-, Kommunikations- und Interaktionsmuster, die zum Problemmuster beigetragen haben, deutlich zu machen. Ebenfalls hat es ein großes Repertoire an problemorientierten Fragen (Wann, mit wem und wo tritt das Problem auf?), Verschlimmerungsfragen (Was müssten sie tun, um ihr Problem zu verschlimmern?) oder Fragen, die die Vorteile der Nichtveränderung des problematischen Zustandes und die Nachteile der Veränderung oder der Zielerreichung (Auf was müssen sie vielleicht verzichten, wenn sie ihr Ziel erreicht haben?) verdeutlichen wollen. Die Absicht dabei, all diese Fragen zu stellen, ist es, dass der Coach relevante Informationen bekommt, um entsprechende Interventionen oder Maßnahmen planen und anregen zu können.

Lösungsfokussiertes Coaching

Es verzichtet komplett auf diese Fragen und arbeitet mit einem Minimum an Fragetechniken und Fragearten. Es gibt im Wesentlichen die drei oben beschriebenen Hauptfragen. Alle weiteren Fragen sind konkretisierende und weitende Fragen, die sich auf die jeweiligen Antworten der Kund*innen beziehen. Es sind ausschließlich zukunfts-, ziel- und stärkenorientierte Fragen. Alle werden mit der Absicht gestellt, die Kund*innen zu einer detaillierten Beschreibung ihrer erwünschten Zukunft und ihrer Stärken und Ressourcen in der Gegenwart und Vergangenheit einzuladen. Bei lösungsfokussierten Fragen geht es also nicht darum, dass der Coach Informationen sammelt, um dann Interventionen durchführen zu können. Die Fragen dienen ausschließlich dazu, dass Kund*innen sich ihrer Möglichkeiten und Lösungen bewusst werden. Und Schließlich eine sehr klare Vorstellung davon bekommen, wo genau sie hinwollen und wie genau sie dorthin kommen.

Übergang von systemisch zu lösungsfokussiert/lösungsorientiert

Wir erleben momentan in der Coaching-Welt eine Übergangsphase. Viele Kolleg*innen haben in den letzten Jahren begonnen, ihre Art des Coachings als „systemisch-lösungsorientiert“ oder „systemisch-lösungsfokussiert“ zu bezeichnen.

Als ein Lösungsfokussierter Coach – und ehemaliger systemischer Coach – sehe ich diese Entwicklung sehr kritisch. Ich bin der Meinung, dass die beiden Ansätzen nicht zusammengefasst oder vermischt werden sollten. Auch sollte nicht so getan werden, als wären sie “doch irgendwie gleich”.

Ja, beide haben Gemeinsamkeiten , wie z.B.:

  • Ursprünge in der Arbeit von Milton Erickson, der Systemtheorie und der theoretischen und praktischen Arbeit des Mental Research Institute in Palo Alto.
  • Die Betrachtung der Kund*innen als grundsätzlich kompetent und bereits alle Ressourcen in sich tragend.
  • Der Verzicht auf eine Analyse des Problems, dessen Ursache und Geschichte, inner-psychischer Dynamiken und Blockaden, einschränkender Glaubenssätze, dysfunktionaler Persönlichkeitsmerkmale, mangelnder Motivation, etc.
  • Die tiefe Überzeugung, dass das Problem nicht verstanden werden muss und auch nicht verstanden werden kann, um zu einer Lösung zu gelangen.
  • Und beide sind erwiesenermaßen erfolgreich. So, wie aber auch alle anderen Coaching-Methoden erfolgreich sind, die Menschen wieder mit ihren Stärken und Ressourcen verbinden und ihre Bewältigungsstrategien aktivieren.

Und dennoch gibt es viel größeren Unterschiede, als in der Öffentlichkeit bisher wahrgenommen. Die oben skizzierte Vorgehensweise des Lösungsfokussierten Coachings, sein Minimalismus und seine konsequente Lösungs- und Zukunftsfokussierung unterscheidet sich radikal von der des systemischen Coachings. Eine Kombination beider Ansätze ist von daher nicht möglich und auch nicht nötig.

Will Coaching an die aktuellen Entwicklungen in der Arbeits- und Lebenswelt seiner Kund*innen anschlussfähig sein, muss es bereit sein, sich klar zu positionieren. Alte und vielleicht lieb gewonnene Konzepte und Methoden müssen nicht nur hinterfragt, sondern sich eventuell auch davon gelösen werden.

Nachdem Coaching sich, auch Dank des systemischen Ansatzes , von psychologischen Konzepten emanzipiert hat, emanzipiert es sich jetzt von systemischen Konzepten. Und das ist richtig. Kund*innen wollen einfache, schnelle und nachhaltige Prozesse und Lösungen. Hierfür ist der lösungsfokussierte Ansatz der zeitgemäßere.

Schlussfolgerung

Obwohl beide Ansätze Gemeinsamkeiten aufweisen, überwiegen die Unterschiede. Diese sind in der Vergangenheit viel zu wenig herausgestellt und kommuniziert worden. Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz, dass einer von beiden besser oder effektiver ist. Lösungsfokussiertes Coaching arbeitet jedoch mit weniger Theorie, Komplexität und Methoden und ist einfacher und schneller. Auch das Erlernen ist einfacher und schneller. Ich bin der Meinung, dass es unsere ethische Verpflichtung als Coaches sein muss, unsere Kund*innen auf dem schnellsten, direktesten und einfachsten Weg bei der Umsetzung ihrer Anliegen zu unterstützen und damit auch nachhaltig mit ihren Ressourcen umzugehen.

Oder um es mit William von Ockham (1288-1347) und seinem von ihm formulierten Gesetz der Parsimonie- bzw. Sparsamkeit zu sagen: “Der einfachere und unkompliziertere Weg ist immer dem komplizierteren vorzuziehen.”

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